Erasmus+ strategisch für den Hochschulbereich nutzen
Quer durch Europa nehmen Hochschulen Erasmus+ zunehmend als Motor für Innovation, Kapazitätsaufbau und langfristige institutionelle Entwicklung wahr. Heute ist das Programm weit mehr als nur ein Auslandssemesterprogramm. Strategisch eingesetzt, kann Erasmus+ die Lehrqualität verbessern, den institutionellen Wandel unterstützen und Partnerschaften fördern, die Hochschulen dabei helfen, effektiv auf gesellschaftliche, ökologische, technologische und arbeitsmarktbezogene Herausforderungen zu reagieren.
Die strategische Nutzung von Erasmus+ geht über die Durchführung erfolgreicher, alleinstehender Projekte hinaus. Es bedeutet, das Programm als zentrales Instrument für die institutionelle Entwicklung zu betrachten, und dieses auf die langfristigen Ziele einer Hochschule abzustimmen. Dazu gehören die Verbesserung von Lehrplänen, die Entwicklung von Mitarbeitendenkompetenzen, die Förderung digitaler und nachhaltiger Transformation sowie die Vertiefung der Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarkt und der Gesellschaft.
Die übergeordnete Perspektive sollte sein, dass das Erasmus+-Programm ein Werkzeug ist – ein vorhersehbares –, das Ihnen hilft, Ihre Prioritäten zu verwirklichen.“
Die Lernmobilität von Einzelpersonen ist der Kern von Erasmus+, aber das Programm bietet noch mehr. In der Tat fliesst ein Grossteil der Programmmittel in die individuelle Lernmobilität, um Studierenden und Mitarbeitenden ein breites Spektrum an Möglichkeiten zu bieten, ins Ausland zu gehen und von anderen zu lernen. Parallel dazu sind jedoch die Kooperationsförderlinien des Programms (Kooperationspartnerschaften, Innovationsallianzen, Europäische Experimentelle Massnahmen, Lehrkräfteakademien, Europäische Hochschulen usw.) wichtige Instrumente zur Stärkung von Qualität und Innovation im Hochschulwesen.
Norwegen, ein Nicht-EU-Land wie die Schweiz, ist sich dessen sehr bewusst. Wie Vidar Pedersen (Direktor der norwegischen Nationalen Agentur Erasmus+, Direktion für Hochschulbildung und Qualifikationen – HK Dir, Norwegen) es ausdrückt: „Erasmus+ ist ein Ökosystem für internationale, für europäische Zusammenarbeit. Es geht nicht nur um die Finanzierung einzelner Lernmobilitäten, es geht nicht nur um die Finanzierung einzelner Projekte, sondern es ist ein Gesamtprogramm und ein Rahmen, der es ermöglicht, langfristig strategisch darüber nachzudenken, was man erreichen möchte.“ Pedersen betont jedoch auch, dass viele Projekte nicht bewusst strategisch initiiert werden, da Erasmus+ im Prinzip ein Bottom-up-Programm ist, das auf die Bedürfnisse verschiedener Professor:innen, weiterer Dozierenden und Mitarbeitenden eingeht.
Vor diesem Hintergrund würde Pedersen die strategische Nutzung von Erasmus als einen bewussten Umgang mit dem Programm definieren, in dem Sinne, dass man, wenn man bestimmte Ziele erreichen möchte, sich darüber im Klaren ist, wie man das Programm nutzt und welchen Beitrag es zur Erreichung dieser Ziele leisten kann.
Das Programm ist ein Qualitätsinstrument, ein Entwicklungsinstrument und ein Instrument zum Aufbau von Gemeinschaft
Eine europäische Perspektive – Erkenntnisse aus Norwegen
Die Erfahrungen Norwegens zeigen, was ein strukturierter, systemweiter Ansatz für Erasmus+ bewirken kann: Norwegen ist ebenso wie die Schweiz kein Mitglied der Europäischen Union (EU); dennoch nimmt das Land seit 1992 ununterbrochen an den Bildungsprogrammen der EU teil. Vor diesem Hintergrund entwickelte die Regierung 2021 eine nationale Erasmus+ Strategie, an der drei Ministerien beteiligt waren, und positionierte das Programm als ein Instrument zur Umsetzung nationaler politischer Prioritäten, indem es einen kohärenten Rahmen für Bildungsinstitutionen bietet.
Die norwegische Erasmus+-Strategie verfolgt vier Ziele:
- Beitrag zur Lösung grosser gesellschaftlicher Herausforderungen (Inklusion, Digitalisierung, Nachhaltigkeit),
- Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft,
- Mehr Möglichkeiten zur Teilnahme an einem internationalen Lernumfeld, und
- Beitrag zur Entwicklung von Politik und Rahmenbedingungen.
Im Rahmen dieser Strategie hat die norwegische Regierung quantitative Ziele festgelegt, z. B. die konkrete Anzahl von Personen aus allen Sektoren, die an Mobilitätsmassnahmen teilnehmen sollen. Darüber hinaus hat die norwegische Regierung unter anderem auch den Umfang der Beteiligung an Kooperationspartnerschaften sowie die Anzahl der Institutionen, die zum ersten Mal bei Erasmus+ mitmachen, definiert. Zu den Indikatoren im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Herausforderungen gehören der Anteil der von norwegischen Institutionen koordinierten Projekte, die sich mit Nachhaltigkeit befassen, oder der Anteil der Projekte, die physische und digitale Mobilität kombinieren (siehe S. 9). Laut Pedersen ist die Umsetzung der in der nationalen Strategie festgelegten quantitativen Ziele auf gutem Weg, und die Ziele werden weitgehend erreicht werden.
Demgegenüber ist es laut dem norwegischen Länderbericht über die Umsetzung und die Auswirkungen von Erasmus+ in Norwegen 2023 schwieriger, Schlussfolgerungen zu den qualitativen Massstäben der Zielerreichung durch die Projekte zu ziehen, vor allem weil sich das Monitoring und Berichterstattung noch in einem frühen Stadium befinden (S. 11). Laut Pedersen zeigen Selbstevaluationen jedoch eine hohe oder sehr hohe Erreichung der qualitativen Ziele bei 92%. In Bezug auf Organisation und Effizienz gab es gemischte Rückmeldungen. Der Bericht verdeutlicht jedoch auch, dass die Relevanz des Programms als hoch und zunehmend angesehen wird und dass die Ergebnisse in hohem Masse nachhaltig sind.
Ein im März 2026 veröffentlichter Evaluationsbericht über den Einsatz von Erasmus+ bei der Entwicklung neuer Studiengänge und Kurse zeigt zudem, dass eine Mehrheit der Rektor:innen norwegischer Hochschulen – im Einklang mit den oben genannten national definierten Zielen – die Verknüpfung von Erasmus+ mit ihren institutionellen Entwicklungsstrategien unterstützt (S. 29ff). Die Erfahrungen Norwegens veranschaulichen somit, was durch einen koordinierten und strategischen Einsatz des Programms möglich wird.
Erasmus+ als Katalysator für Bildungs- und institutionelle Innovation
Erasmus+ gilt derzeit laut Vidar Pedersen als „der“ Referenzrahmen in Europa, um
- transnationale Kurse, Lehrpläne und Module zu entwickeln, von denen viele Teil des regulären Studienangebots werden (siehe auch den Ergebnisbericht 2025 der Europäischen Kommission 2025 zur Initiative „Europäische Hochschulen“);
- Blended Intensive Programmes (BIPs) als praktische Formate zur Unterstützung der interdisziplinären Zusammenarbeit anzubieten;
- Vorteile zu schaffen für Studierende (interkulturelle Kompetenzen, Selbstvertrauen, Motivation) und für das Hochschulpersonal (Netzwerke, pädagogische Innovation, berufliche Weiterentwicklung);
- Mehrwert zu bieten durch strukturierte Bildungspartnerschaften, Qualitätsrahmen und langfristige Kooperationsformate wie die «Europäischen Hochschulen».
Laut EUA (2025) ist „Erasmus+ ein entscheidender Faktor für die innereuropäische und internationale Lernmobilität und Kooperationen“ und bietet unverzichtbare, hochwertige Möglichkeiten für Auslandsaufenthalte zwecks Bildung sowie für die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen innerhalb Europas und darüber hinaus.
Lernmobilität und Kooperationen schliessen sich nicht gegenseitig aus, sondern verstärken sich gegenseitig. Kooperationsprojekte können als Testfeld für neue Mobilitätsformate dienen, die eine nachhaltige Wirkung haben können, wenn sie über die Projektlaufzeit hinaus institutionalisiert werden. Umgekehrt können Mobilitätserfahrungen die Entwicklung neuer Kooperationsprojekte anregen. Darüber hinaus trägt Mobilität dazu bei, Partnerschaften über die Projektlaufzeit hinaus aufrechtzuerhalten und Netzwerke sowie die Zusammenarbeit langfristig zu sichern (Pedersen, HK Dir).
Aufbauend auf diesem Zusammenspiel bietet Erasmus+ Raum, um neue Ansätze für Lehre und Lernen zu erkunden. Digitale und gemischte Formate, problemorientiertes Lernen und internationalisierte Lehrpläne bieten neue Perspektiven und bereichern die pädagogische Praxis.
Was Hochschulleitungen tun können
Erasmus+ stellt für Hochschulleitungen eine wertvolle Gelegenheit dar, nicht nur Lernmobilität zu fördern, sondern auch zur Entwicklung eines zukunftsfähigen Bildungssystems beizutragen. Erasmus+ ist ein Programm, das im Laufe der Jahre erheblich gewachsen ist und in Europa stark an Bedeutung gewonnen hat.
Durch die Verknüpfung von Erasmus+ mit übergeordneten institutionellen Prioritäten wie der Weiterentwicklung von Lehre und Lernen, Digitalisierung, Forschung, Innovation und der Zusammenarbeit mit externen Partnern kann es zu einem bedeutenden Motor für den institutionellen Fortschritt werden. Durch die Teilnahme an Erasmus+ können Sie die Rahmenbedingungen, die in Zukunft in Europa gelten werden, mitgestalten – beispielsweise in Bezug auf einen europäischen Abschluss (European Degree), Mikrozertifizierungen (Micro-Credentials) und den Europäischen Studierendenausweis.
Die Schaffung förderlicher Bedingungen für die Teilnahme an Ihrer Einrichtung kann daher deren Wirkung verstärken. Klare Prozesse und integrative Ansätze können Möglichkeiten für ein breiteres Spektrum an Fachbereichen und Mitarbeitenden eröffnen, einschliesslich derjenigen mit weniger Erfahrung in internationalen Projekten.
Über einzelne Projekte hinaus besteht ein grosses Potenzial, erfolgreiche Ergebnisse in den institutionellen Alltag zu integrieren. Die Einbindung neuer Lehrplanelemente, Partnerschaften und Mobilitätsangebote in reguläre Programme kann dazu beitragen, dass die Vorteile von Erasmus+ langfristig Bestand haben.
Als Teil von Erasmus+ können Sie Projekte initiieren. Das ist einer der wichtigsten Aspekte. Sie können Projekte koordinieren, Sie können neue Initiativen ergreifen. Sie sind nicht vom Willen anderer abhängig.
Und die Schweiz?
Der Bundesrat strebt an, ab 2027 dem Erasmus+ Programm beizutreten. Am 13. März 2026 überwies der Bundesrat das Schweiz-EU-Paket an das Parlament. Damit begann die parlamentarische Phase des Dossiers.
Der Beitritt der Schweiz zu Erasmus+ würde den Akteuren im Bildungsbereich Zugang zu allen Möglichkeiten, Netzwerken und Instrumenten des europäischen Bildungsprogramms Erasmus+ verschaffen.
Es gibt sehr viele gute Hochschulen in der Schweiz, die attraktive Partnerinnen sind, aber weil man nicht am Programm teilnimmt, werden sie allzu oft vergessen
Bereiten Sie sich jetzt vor:
- Informieren Sie sich über Fördermöglichkeiten, Netzwerke und Instrumente und legen Sie fest, welches Engagement Ihren institutionellen Zielen am besten dient
- Bauen Sie Barrieren ab und stärken Sie die Kapazitäten innerhalb Ihrer Institution
- Nehmen Sie Kontakt zu Ihren bestehenden und potenziellen neuen Partnern auf, die Ihnen dabei helfen können, Ihre Ziele zu erreichen, und bereiten Sie sich auf die Erasmus+-Ausschreibung 2027 vor (das aktuelle Schweizer Programm für Erasmus+ bleibt als Backup-Lösung bestehen)
- Movetia unterstützt Sie dabei!
Lassen Sie sich von Projekten mit Schweizer Beteiligung inspirieren:
- Reportage-Reihe «Why European Universities Matter» (Teile 1–4)
- Movetia-Artikel «Show Me the Value»