Als Lehrperson ein Jahr nach Dakhla

Im Schuljahr 2025/2026 hat Nicolas Joray seine Stelle als Lehrperson in Delémont (JU) pausiert und hat im Rahmen eines selbst organisierten Austauschprojektes in einer Schule in Marokko unterrichtet – finanziell unterstützt durch Movetia. Wenige Wochen vor seiner Rückkehr in die Schweiz blickt er auf die getroffenen Vorbereitungen und seine Rolle und Integration an der marrokanischen Schule zurück und nennt einige Take aways für seine künftige Unterrichtspraxis.

Unterrichten im Ausland - Erfahrungsbericht - Schulbildung - Movetia

Als Lehrer im Fach Theater an der Fachmittelschule in Delémont verbringt Nicolas Joray dieses Schuljahr am Lycée français international Odette du Puigaudeau in Dakhla, Marokko. Das Projekt ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der Geduld, Anpassungsfähigkeit und Entschlossenheit erforderte.

Wie ist dieses Projekt entstanden?

Die Idee, ein Jahr im Ausland zu leben, schwebte mir schon seit längerer Zeit vor. Konkretisiert hat sich das Vorhaben nach einer Familienreise nach Marokko. Ursprünglich planten meine Frau und ich einen Aufenthalt in Tanger im Norden des Landes. Die Suche nach einer Partnerschule führte mich schliesslich jedoch nach Dakhla im Süden.

Das Projekt entwickelte sich Schritt für Schritt: Zustimmung der Schule in der Schweiz, Suche nach einer Partnerschule in Marokko, Einreichen eines Fördergesuchs bei Movetia und anschliessend die Bewilligung eines unbezahlten Urlaubs. Danach konnte ich eine Partnerschaftsvereinbarung mit dem Gymnasium in Dakhla ausarbeiten und unterzeichnen.

Die Unterstützung und das Interesse des Schulleiters an diesem Projekt waren entscheidend für die Umsetzung.
Nicolas Joray, Lehrer im Fach Theater an der Fachmittelschule in Delémont, verbrachte das Schuljahr am Lycée français international Odette du Puigaudeau in Dakhla, Marokko

Vor Ort waren die administrativen Schritte vergleichsweise unkompliziert – mit einer Besonderheit: Da ich nicht direkt von der lokalen Schule angestellt und entlöhnt bin, verfüge ich lediglich über ein Touristenvisum. Deshalb muss ich das Land alle drei Monate verlassen und erneut einreisen.

Wie haben Movetia und die Schule in Dakhla zur Finanzierung des Projekts beigetragen?

Meine persönlichen Ausgaben vor Ort als Lehrperson – Unterkunft, Verpflegung, Transport, Krankenversicherung usw. – können durch die Unterstützung von Movetia gedeckt werden. Das Gymnasium in Dakhla stellt die Organisation sowie die Räume und Materialien für die Durchführung der Theaterkurse und -workshops zur Verfügung.

Da es sich um ein Familienprojekt handelt, finanzieren meine Frau und ich zudem einen Teil der Schulkosten unserer Kinder sowie Ferien und Freizeitaktivitäten aus eigenen Ersparnissen.

Ist Ihre Tätigkeit an der Schule in Dakhla mit der als Lehrer in der Schweiz vergleichbar?

Nein, meine Tätigkeit in Dakhla ist deutlich punktueller. Ich habe eher den Status einer externen Fachperson als den einer regulären Lehrperson. Deshalb bin ich nicht immer in alle Informationsflüsse eingebunden und nehme auch nicht an sämtlichen Teamsitzungen teil.

Diese Position bringt jedoch mehrere Vorteile mit sich. Sie ermöglicht grosse pädagogische Freiheiten und fördert kreative Projekte. Gleichzeitig lernen die Schülerinnen und Schüler andere Ansätze kennen. Dadurch sammeln sie neue und spannende Erfahrungen.

Unterrichten im Ausland - Erfahrungsbericht - Whiteboard - Dakhla - Foto: Nicolas Joray
Unterrichten im Ausland - Erfahrungsbericht - Foto: Nicolas Joray

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit an der Schule?

Die Integration erfolgte schrittweise und basierend auf einem sich langsam aufbauenden Vertrauensverhältnisses. Der Theaterunterricht war Teil eines gemeinsamen Projektes der Bereiche Bildende Kunst und Musik.

Ausserdem arbeite ich mit weiteren Klassen an mündlichem Ausdruck sowie in ausserschulischen Workshops. Mehrere Lehrpersonen haben mich ebenfalls eingeladen, im Unterricht in ihren Klassen mitzuwirken. Und mit Kindergarten- und Primarklassen konnte ich zwei Theaterworkshops sowie ein Projekt rund um marokkanische Poesie umsetzen.

Diese Projekte stärken das kulturelle Angebot der Schule und tragen zu ihrer institutionellen Weiterentwicklung bei. Gleichzeitig ermöglichen sie den Lehrpersonen vor Ort, neue pädagogische Ansätze kennenzulernen und ihre theaterpädagogischen Kompetenzen auszubauen.

Was mussten Sie in Ihrer Praxis anpassen?

Der Umgang mit Planung ist hier vermutlich anders. Das verlangt Improvisationsfähigkeit und eine gewisse Bereitschaft loszulassen und Kontrolle abzugeben. Unterschiede erlebte ich auch bei lokalen Gegebenheiten und Vorgehensweisen sowie beim stärker autoritär geprägten Bildungssystem. Die zwischenmenschlichen Beziehungen im Unterricht bleiben jedoch ähnlich wie jene, die ich aus der Schweiz kenne.

Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung für Ihre Unterrichtspraxis in der Schweiz mit?

Dieses Jahr in Dakhla ermöglichte mir vor allem, meine Herangehensweise an pädagogische Projekte neu zu denken. Ich habe gelernt, stärker situationsbezogen zu arbeiten und unerwartete Entwicklungen in der Gestaltung von Aktivitäten anzunehmen.

Diese Erfahrung motivierte mich zudem, Kooperationsprojekte zwischen der Schweiz und Marokko weiterzuentwickeln – insbesondere durch den Austausch von Texten und Theaterproduktionen. Nach meiner Rückkehr möchte ich diese Ressourcen in meinen Unterricht integrieren, um Schülerinnen und Schüler für andere kulturelle Kontexte zu sensibilisieren.

Unterrichten im Ausland - Erfahrungsbericht - LivreLeTheatreAuMaroc - Dakhla - Foto: Nicolas Joray
Unterrichten im Ausland - Erfahrungsbericht - Buch Le Theatre Au Maroc - Foto: Nicolas Joray

Welchen Rat würden Sie interessierten Lehrpersonen geben?

Diese Erfahrung konnte dank einer gewissen Portion Zufall und Glück entstehen. Gleichzeitig erforderte sie viel Vorbereitungszeit, mehrere Planänderungen und auch einige Verzichtsmomente.

Ich musste mich von bestimmten Reisezielen und Vorstellungen verabschieden, um schliesslich Freude daran zu finden, andere zu entdecken. Der Dichter Christian Bobin schrieb: 

Wenn du die Adresse eines dornlosen Rosenstrauchs kennst, gib sie mir nicht. Ich weiss bereits, dass sie falsch ist.
Christian Bobin

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